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Endlich eine eigene Route...
Neben Corte Grande auf 1600 Meter Höhe finden wir einen Zeltplatz von Lärchen umgeben. Hier am Osthang sind wir bald im Schatten - es wird kühl. Bis in die Nacht hinein unterhalten wir ein kleines Feuer, wir schätzen seine Wärme in der kühlen Oktobernacht.
Ein wunderbar klarer Tag
Nach geruhsamer Nacht bricht ein wunderbar klarer Tag an. In der Tiefe im Val Lavizzara liegt ein Nebelmeer. Darüber ragen im morgendlichen Gegenlicht die dunklen Konturen von Gipfeln empor, die Marco weit besser kennt als ich: Campo Tencia, Pizzo Barone, Pizzo Campala, Corona di Redorta - sie sind seine Heimatberge. Wir steigen weglos über birken- und erlenbestandene Hänge auf.Wie wird unser Ziel, der Ostgrat des Pizzo Fiorasca, wohl sein? Dieser Kletteranstieg ist noch nie begangen worden - Neuland mitten in unseren übererschlossenen Alpen. Auch wir haben ihn bis jetzt noch nie bewusst und in Wirklichkeit gesehen. Er ist mir auf einem Bild im SAC-Magazin Alpen in die Augen gestochen, wo er im Vordergrund mit seiner von Licht und Schatten scharf gezeichneten Kontur aufstieg - erst jetzt weiß ich, dass ausgerechnet mein heutiger Seilpartner Marco das Bild vom Campo Tencia aus nach Westen aufgenommen hat.
Mit diesem Bild fing alles an: Marco Volken publizierte diese Aufnahme vom Campo Tenica in den Walliser Alpin.
Wird der Gipfelaufschwung machbar sein?
Die Sonne hat uns erreicht. Wir passieren die verlassenen Hütten von Piatto und kommen dem Gratfuß immer näher. Wir wissen sofort, dass die Kletterei schöner werden wird als wir zunächst zu hoffen wagten. Marco überlässt mir die erste Seillänge in wunderbar strukturierten Gneisplatten. In mir singt’s vor lauter Vergnügen. Einzig während einiger griff- und trittarmer Meter verstummt die innere Melodie - Konzentration ist angesagt. Wir folgen dem Grat, der uns mit spannenden plattigen Aufschwüngen entzückt und mit einer Abseilstelle und kniffligen Scharten überrascht. Der Gipfelaufschwung rückt immer näher - wird er machbar sein?Marco zweifelt nicht. Doch zunächst rasten wir auf einer Gratschulter. Wir schauen über die steinernen Gipfelwelten und in die dunstigen Abgründe des Tessin. Weiter geht’s. Wir sind immer wieder begeistert, wie leicht sich die Route absichern lässt. Fast überall dort, wo das Sicherheitsbedürfnis drängend wird, bieten sich Risse an, die unsere Klemmgeräte und Schlingen willig aufnehmen. Eine letzte pulsbeschleunigende Stufe und der Grat läuft zum Gipfel aus. Der Weg über den Ostgrat gehört jetzt uns, auch wenn andere folgen werden. Wir sind stolz und glücklich. Mit einem Schlag stehen im Westen und Norden die großen Walliser und Berner Gipfel vor uns.
Auf dem Gipfel dann die große Schau...
Ein einmaliger Tag
Wir steigen über den Südgrat ab. Ich beneide Marco, wie sicher er sich in diesem anspruchsvollen Gelände bewegt. In dem kleinen Tälchen, das zurück gegen die Alpe di Brünesc führt, liegt stellenweise schon etwas Schnee. Wir schauen auf unseren Grat zurück und lassen diese einmaligen Momente an Platten und Kanten noch einmal Revue passieren. Wir packen das Zelt ein und folgen einem markierten Weg, der sich zeitweise im hohen Gras und in den Wacholderfeldern verliert.Auch das ist das Tessin: der lange Weg durch schöne schattige Buchenwälder hinab nach Rima. Ich fühle mich müde. Eine freundliche Familie nimmt uns in ihrem Fahrzeug von Monti di Rima mit hinab nach Broglio. So können wir noch zu Formaggio del Paese einkehren, bevor wir den Postbus für die erste Etappe der Heimkehr besteigen. Zug um Zug geht’s nach Hause. Draußen ist schon Nacht, wir sitzen entspannt im Zug, vor dem inneren Auge ziehen die farbigen Bilder des heutigen Tages vorbei. Ein einmaliger Tag, der Tag unserer ersten gemeinsamen Neutour.
Text: Christoph Blum, Fotos: Marco Volken Aus ALPIN 5/2005
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