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Und du fragst dich fast schon schuldbewusst, wann du eigentlich das letzte Mal dort oben gewesen bist, in diesem steinernen Verhau, und du beginnst nachzurechnen und hast direkt ein schlechtes Gewissen.
Und so brichst du ein paar Tage später auf, suchst dir einen Weg, den du dort hinauf noch nie gegangen bist, längst hockst du auf dem Ostgipfel mit dem eisernen Riesenkreuz, noch ehe die ersten Seilbahntouristen durch die Kaisersäle stolpern, und irgendwie bist du rundum zufrieden.
Und weil du schon das Alter hast, in dem man immer öfter rückwärtsgerichtet denkt, nimmst du dir die Zeit und klapperst zumindest die Einstiege zu all jenen Kletterrouten ab, die deine Entwicklung geprägt und vorangetrieben haben.
Und du sitzt in der Sonne und schaust rauf und willst wieder dort oben sein, überall dort, wo du früher mal gerauft hast und wo gewiss auch heute noch genauso gerauft wird...
Die legendäre Überschreitung, die es immerhin zu Pause-Ehren gebracht hat, ist meine erste richtige Klettertour gewesen, also standesgemäß mit Seil und Karabiner, ich sogar mit Helm. Da war ich sechzehn, von Sicherung oder Seilkommandos hatten wir nie etwas gehört, wenn das Seil aus war, blieb ich als Vorausgehender halt stehen, wo ich war, und der Spezi kletterte nach.
Wir haben's beide überlebt, den direkten Grat auf den Westgipfel (IV+, dann II), den Gmelch- und Teufelsturm (beide III), die Nordwestverschneidung auf den Hauptgipfel (IV+). Aufregend und spannend war's, und aufregend schön. Von da an war ich ein Fan der Kampenwand.
Blick vom Chiemsee auf die Kampenwand.
Jedenfalls sind's oft traumhaft schöne Abende dort oben gewesen, denn ich bin immer erst hinauf, wenn die letzte Seilbahn die "anderen" Kampenwandler hinabgefahren hatte: Dann auf einem der felsigen Zapfen zu sitzen und nichts anderes zu tun als eben nichts zu tun, das habe ich immer als geradezu erhebendes Gefühl und vor allem als Privileg empfunden...
Wie oft bin ich durch die "Alte Westgipfel-Südwand" geklettert? Ich weiß es wirklich nicht. Eine Stelle IV+, der Rest leichter, aber eben diese eine Stelle, dieser verzwickte Reitblock aus der Gufel heraus, hat es in sich. "Beitlreiter"heißt der Block, oder besser das, was man an diesem Block anstellen muss, um drüber hinwegzukommen:
Die kleinen Griffe packen, schräg rausrutschen, und dann über den Block raufziehen, ohne dass man mit den Füßen etwas machen kann. Der Stand ist schräg oberhalb, und waren der Nachsteiger oder die Nachsteigerin einen "Rutscher" wert, dann brauchte man im Augenblick des Reitens nur ein bisschen am Seil anzuziehen und schon gab's einen harmlosen Pendler:
"Hey, bist g'flong?" Das schrie man in seiner vorgespielten Verblüffung so laut, dass es auch die Kletterer in der Hauptgipfel-Südwand noch hören mussten, und die Flugmass auf der Steinlingalm oder unten im Aschauer Schlossbiergarten hat dann besonders gut geschmeckt.
Mindestens genauso oft, sommers wie winters, vor allem aber im Frühjahr zum Warmturnen, sind wir über die elegante, zwei luftige Seillängen lange "Direkte Westkante" (V-) auf den einzeln dastehenden Staffelstein geklettert:
Was mich schon früh neben der Schönheit dieser Kante begeistert hat, das waren die Namen der Erstersteiger: Fritz Schmitt und Schorsch Mitterer, die auch an der benachbarten Hörndlwand so manch eindrucksvolle Spuren hinterlassen hatten und nicht nur im Wilden Kaiser.
Wie überhaupt die Kampenwand immer ein beliebtes Trainings- (und Erstbegehungs-) Massiv auch für später berühmte Kletterer war: Willy Merkl, Bernulf von Crailsheim, Emil Gretschmann, Otto Eidenschink, Adi Göttner, Wiggerl Vörg oder Jörg Lehne, sie alle haben den Wänden und Pfeilern ihren Stempel aufgedrückt.
Die Staffelsteinkante ist für uns immer auch ein Gradmesser gewesen: Ging sie locker, war das nächste Ziel die etwa gleich schwere, aber längere Christakante im Kaiser, und war auch die ohne Probleme abgehakt, kehrten wir noch einmal an die Kampenwand zurück:
Westgipfel "Die Gelbe" (damals VI/A2), Hauptgipfel-Südostwand (V+/A0) oder einen der Techno-Pfeiler, es war ja noch die Zeit des Leiterl-Kletterns, und früh im Jahr holten wir uns die ersten blutigen Finger regelmäßig an der Kampenwand...
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Heute findet man an den Türmen und plattigen Südwänden vor allem jede Menge an kurzen und auch längeren Freikletterrouten, die meisten bestens abgesichert. Und prinzipiell kommt ja oben im Felssalat der Kampenwand ein ganz besonderes Erleben dazu, das nur nicht dazu führen soll, dass man als cooler Freeclimber eine ungesunde Arroganz entwickelt:
Ich habe mich an diesem wunderschönen Herbsttag in die Kaisersäle erst gehockt und dann ein Stückerl rauf Richtung Blauwandl, um eine noch bessere Übersicht zu haben.
Da turnen und zittern all die Leute vorbei, die von der Seilbahn kommen und oft schon ein bisserl außer Atem sind, da muss man tatsächlich, auch trotz diverser Drahtseile und der Brücke weiter droben, ein wenig Geschick zeigen, der Fels ist poliert wie Carrara-Marmor, und manchen verlässt hier kurz vor dem so heiß begehrten Ziel mit dem Riesengipfelkreuz der Mut. Nein, bitte nicht überheblich werden!
Ich musste da an meine erste Klettertour überhaupt denken, wie wir uns vor bald vierzig Jahren über die eigentlich ja ebenfalls eher harmlose Überschreitung gerampft haben. Damals hat uns glücklicherweise auch niemand ausgelacht.
Wobei das die Könner sowieso nicht getan hätten, denen wären die Haare unterm Helm zu Berge gestanden ob unseres blanken Unwissens und unseres gnadenlosen Leichtsinns.
Heute schaue ich den Kletterern an der Staffelsteinkante zu und an den kurzen Plattenrouten am Westgrat nahe der Münchner Hütte, und ich geb's zu: Ein bisserl neidig bin ich schon...
Text: Willi Schwenkmeier
Fotos: Franz Faltermaier
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