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So oder ähnlich muss es auch Nils Faarlund ergangen sein, als er Mitte der 60er Jahre den Stetind sah, sich damals noch mit einem Fischerboot an seine Basis bringen ließ und anschließend den Berg über seinen Südpfeiler erstieg (der Normalweg wurde bereits 1911 entdeckt).
Aber, typisch für einen Skandinavier, hängte er die heute immerhin mit VI+ bzw. VII- bewertete Aktion nicht an die große Glocke, sondern machte genau das Gegenteil: Er und seine Seilpartner gründeten einen Klub mit dem vielsagenden Namen "Maul halten".
Nichts von der einmaligen Schönheit des Berges bzw. seiner Kletterei sollte an die Öffentlichkeit gelangen, der Stetind sollte ein norwegisches Geheimnis bleiben.
Viele Mitglieder scheint dieser Klub allerdings auch in Skandinavien nie gehabt zu haben und spätestens zu Beginn dieses Jahrtausends dürfte er sich aufgelöst haben: Denn 2002 wurde der Berg nach einer Umfrage zum norwegischen Nationalberg erklärt und im Anschluss druckte die norwegische Post sogar eine Briefmarke mit seinem Bild.
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Und da man die Basis des Berges mittlerweile sogar mit einem Straßentunnel durchbohrt hat, entfällt auch jeglicher Stress hinsichtlich Anfahrt oder Zustieg: Das "Basislager" entspricht einem mit Klohäuschen ausgestatteten Parkplatz und ist damit für alle erreichbar.
Was liegt also näher, als sich in ein Flugzeug nach Narvik zu setzen, sich dort mit ein paar Freunden einen Wagen zu mieten, auf gutes Wetter zu warten und einen der schönsten Berge der Welt zu erklettern?
Ehrlich gesagt, nichts - und so stehen mein Kletterpartner Dietmar und ich prompt eines schönen Sommertages vor einem sechssprachigen (!) Schild mit dem Hinweis, dass in Nordnorwegen grundsätzlich genauso wie auf den Lofoten ausschließlich mit mobilen Sicherungsmitteln geklettert werden darf.
Also sollte man ein gut sortiertes Sortiment an Keilen, Camelots und evtl. Aliens dabei haben, um die Risiken und Nebenwirkungen des Kletterns in bohrhakenfreien Routen bis zu 40 Seillängen überschaubar halten zu können. Das gilt insbesondere für den von uns zunächst projektierten Westgrat.
Dessen Schlüsselseillänge ist mit norwegisch 6+ (entspricht VII+ nach UIAA) bewertet und heißt wohl nicht ohne Grund "Teufels Tanzboden". Wesentlich genussreicher ist hingegen der Südpfeiler des Stetind, den wir am Tag darauf angehen.
Wieder wandern wir durch den nahezu unwirklich quietschgrünen Birkenwald an den Fuß des Berges und steigen anschließend zu einem Eissee auf, in dem sich die Wand des Presttinden spiegelt. Sicherlich auch um die 400 Meter hoch, aber brüchig und angesichts des Umfeldes völlig uninteressant.
Hier deponieren wir einen unserer Rucksäcke und queren nun zum eigentlichen Beginn des Südpfeilers, "King's Box" genannt. Diese Box liegt auf einem Band inmitten eines gigantischen, von der Südostwand des Stetind und seines Vorgipfels, des Hall's Peak, eingeschlossenen Amphitheaters aus glatt geschliffenen Granitwänden.
Wir haben kaum einen Blick für die grandiose Exposition, denn jetzt müssen wir ein ca. 300 Meter breites Schneefeld queren. Und dieses liegt ganz offensichtlich lose auf anscheinend spiegelglatten Platten, die ihrerseits nach unten immer steiler werden. Aber dann ist der Einstieg erreicht, die nassen Schuhe verschwinden im Rucksack und stattdessen kommen die Kletterpatschen an die Füße.
Die ersten Seillängen entpuppen sich schnell als unbeschwertes Vergnügen. Nie schwieriger als V tanzen wir den Fels hinauf, erreichen so das zweite Band und machen gleich weiter.
Auch hier wird es nicht wesentlich schwieriger, nur ein Kamin will mit Rucksack umgangen werden, da man sonst an dieser Stelle steckenbleibt. Granit vom Feinsten und Sicherungsmöglichkeiten gibt es genug.
Wir erreichen das dritte Band und damit die Gipfelwand. Hier steilt sich der Stetind auf und so passen die drei letzten Seillängen nicht so richtig zu dem eher gemütlichen "Scrambling" der zehn Seillängen zuvor.
Auf dem Gipfel gibt's einen Schluck aus der Pulle.
Zwei, drei Piaz-Züge und der nächste Stand ist erreicht. Nach einer weiteren Seillänge folgt dann die Schlüsselseillänge. Einige Fixkeile zeugen davon, dass einige Seilschaften vor uns hier ein gesteigertes Sicherungsbedürfnis entwickelt hatten.
Ich bin den unbekannten Gönnern dankbar, denn so kann ich die ansonsten aalglatte Verschneidung prima absichern. Noch etwas Reibung, dann sind der Ausstieg und der an ein Plateau erinnernde Gipfel erreicht.
Wir sind in Norwegen: Statt Dohlen umkreisen Möven den Gipfel und am Horizont verschmelzen die Lofoten mit dem Wasser des Nordatlantik zu einer wahren Sinfonie in Blau.
Eine solche Route genießen zu dürfen, ist wahrhaft ein Geschenk des Himmels. Ein Geheimtipp, der wahrscheinlich bald den Weg fast aller Geheimtipps geht. Es gilt also weiterhin: Maul halten!
Text und Fotos: Ralf Gantzhorn
Aus ALPIN 05/09
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